Beste Nachwuchskünstlerin – Demut vor dem Leben

Bereits am ersten Tag nach ihrem Schlaganfall macht sie sich Gedanken: Was mache ich, wenn ich nicht mehr Flöte spielen kann? „In dem Moment war ich gar nicht verzweifelt. Ich habe ganz pragmatisch darüber nachdacht, welche Alternativen ich jetzt habe, um weiterhin ein erfülltes Leben zu führen“, sagt @Kathrin. Sie hatte unter anderem bei den @Heidelbergern Symphonikern die 1. Querflötegespielt und gerade das erste eigene Album aufgenommen. Dann liegt sie im Krankenhaus: halbseitige Lähmung, ein Arm und eine Hand taub, das Bein reagiert nicht, Stimmbandlähmung. Querflöte spielen? Wohl kaum.

Nach drei Wochen, noch in der Reha, wagt sie sich an die ersten Übungen: Lange Töne halten, langsam die Finger richtig setzen, immer wieder die gleichen Tonfolgen spielen. Alles, was sie sonst nur zum Aufwärmen gemacht hat. Zwei Dinge sind Kathrin klar: Sie ist ehrgeizig und wird alles dafür tun, dass es ihr wieder besser geht. Und: Sie ist lebenslustig und wird auch einen Weg finden, mit den eventuellen Verlusten umzugehen.

Ironie des Schicksals: Vor ihrem Schlaganfall arbeitete sie an einem Projekt der Uni Mannheim mit. Thema: Wie kann man demotivierte Patienten durch Musik zur Therapie motivieren? Demotiviert war sie selbst nie, die Musik hilft ihr trotzdem. „Als Musiker lernt man, detailverliebt zu arbeiten, viel zu üben und mit Rückschlägen umzugehen. Das ist auch die richtige Einstellung für die Therapie“, erzählt Kathrin. „Mir war es wichtig, so schnell wie möglich wieder ein bisschen Normalität zu haben. Deswegen finde ich es auch so wichtig, dass Angehörige, Freunde, aber auch Ärzte und Pfleger normal mit einem umgehen.“

Kathrin mutet sich von Anfang an viel zu. Sie trainiert zwischen den Therapieeinheiten in der Reha alleine weiter. Freunde holen sie ab, um mit ihr zu kochen oder ins Lieblingscafé zu gehen – obwohl der Trubel, die Geräusche, enorm anstrengend sind. Kathrin geht offensiv mit ihrem Schlaganfall um, berichtet auf Facebook und Instagram über ihre Erlebnisse.

Nach vier Monaten gibt sie ihr erstes Konzert. „Im Nachhinein kann ich mir gar nicht erklären, wie ich das geschafft habe. Der Adrenalin-Ausstoß muss sehr groß gewesen sein“, blickt sie heute lachend zurück. Jetzt feiert sie ihren nächsten großen Erfolg: Sie ist als beste Nachwuchskünstlerin mit dem @Opus Klassik ausgezeichnet worden.

Ihr eigener Schlaganfall war nur eins von vielen Erlebnissen, die Kathrins Lebenseinstellung geprägt haben. Der Lebensgefährte starb an Krebs. Ein guter Freund hatte kurz vor ihr, ein anderer kurz nach ihr, einen Schlaganfall, ihr Vater ebenfalls. „Das lehrt Demut vor dem Leben. Ich finde es wichtig, trotz allem nicht den Mut zu verlieren und hoffe, dass ich das auch anderen Menschen vermitteln kann.“

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.